STATEMENT

Galerie

Fantasie ist nicht das Erste, was einem beim Betrachten von technischen Plänen in den Sinn kommen würde. Die Pläne geben einen architektonichen Raum vor, welcher durch die Handzeichnungen belebt wird. Diese breiten sich aus, nisten sich in den vorgefundenen Räumen ein und deuten sie so um. So entsteht eine Synergie zwischen konkreter Vorgabe und freier Entwicklung des Organischen, die eine andere Realität bzw. Surrealität des Raumes zeigt. Die Pläne sind aufgrund der heutigen technischen Entwicklung unbrauchbar geworden, durch meine Transformation bekommen sie eine neue Funktion und eine neue Lesbarkeit.

Lionel Favre

Baupläne und technische Skizzen sind die Ausgangsbasis der Arbeiten von Lionel Favre. Auf ihnen lässt er mit schwarzer Tinte spontan narrative Zeichnungen entstehen. Sie geben grafisch einen architektonischen Rahmen vor, den er fantasievoll als Spielraum für seine surrealen Szenarien verwendet. Verschiedenartige Objekte und Figuren breiten sich auf dem Blatt aus, beleben es, nisten sich in den vorgefunden Räumen ein und deuten diese so um. Die längst vergilbten und mit der Zeit unbrauchbar gewordenen Pläne werden durch die Zeichnung nicht nur unlesbar, sondern auch in ihrer Funktion entfremdet. Maßstäbe werden verzerrt, Perspektiven verschoben. Der Plan selbst erhält mit der Transformation zum Bildträger eine neue Bedeutung.

Elsy Lahner



Masse en détail


Wer sich von religiösen Konnotationen eher abschrecken lässt, wird sich von Lionel Favres (*1980) Ausstellung in der Katholischen Akademie Freiburg „…und der Mensch erschafft die Welt” verwirrt und gleichzeitig angezogen fühlen. Man begegnet dort Zeichnungen, technischen Plänen und Figuren, neu kombiniert.

Eine Vielzahl an Werken des Schweizer Künstlers sind hier zu sehen, eine Masse an Details, die wunder- und sonderbare Geschichten erzählen. Ein technischer Plan fordert Genauigkeit, um eine Umsetzung zu garantieren. Genauigkeit garantiert jedoch keinen Realismus. Charaktere wie aus dem Comic tummeln sich neben „the yellow submarine" und unzähligen Heiligen. Und sie wuseln in einem mikroskopischen Maßstab, akribisch genau und mit bloßer Hand ausgeführt. Die Ausstellung bietet dem Betrachter eine Lupe als Hilfe an, es ist kein Gag der Kuratorin Hanna Lehmann, sondern der künstlerischen Logik inhärent. Keine Chance, das Gesamtbild zügig zu erfassen. Lediglich ein fragmentierter Blick auf die Geschichten ist möglich. Das Papier ist vergilbt und wirkt fragil. Was sonst verstauben würde, findet durch Favres konstruktive Hand eine Erweiterung. Das größtenteils surreale Figurenkabinett á la Hieronymus Bosch nimmt den Plänen ihre ursprüngliche Funktion und den fatalen Ernst. Favre erhebt die sich vielleicht widersprechenden Instanzen auf eine Ebene, indem er Perspektiven und Maßstäbe umfunktioniert. Ein Plan ist ja etwas sehr Abstraktes, er löst das Gebäude von seiner Materialität ab und erfindet Sichtweisen hinzu. Konstruktionen sind immer Konstruktionen der Fantasie, auch wenn sie einmal an Realität gewinnen sollten.
Akribisch recherchiert Lionel Favre die Geschichte der dargestellten Gebäude. So erinnert der spuckende Fisch zusammen mit den Flugzeugen über dem Freiburger Münster an die Operation Tigerfish, die Bombardierung der Stadt 1944. Das Münster, welches weitgehend verschont blieb, beherbergt einige gewaltdarstellende Figuren, welche Favre nach außen kehrt. In einem lockeren Arrangement posieren hier der auf den Kopf gestellte Petrus und „Die Höllenfahrt der Verdammten” vor einem Trümmerhaufen, welcher Caspar David Friedrichs Gemälde „Das Eismeer” entspricht. Lionel Favres Geschichten haben viele Bezüge, sind aber auch bezugslos amüsant und die festen Regeln der technischen Zeichnung werden wie der Kopf auf Favres „Momentausschalter” einfach ausgeknipst. Die Bilder mischen sich unter den belebten Alltag der Katholischen Akademie. Im Vorbeigehen sind die Arbeiten nicht zu erfassen und so muss man zwischen zwei aufgeregt bewohnten Welten innehalten, die Lupe aufs Detail gerichtet.

von Manuel van der Veen auf artline>



Ganze Welten in Miniatur

„... und der Mensch erschafft die Welt” - Ausstellung Lionel Favre in der Katholischen Akademie Freiburg


Lionel Favre befasst sich mit Bauplänen und technischen Zeichnungen, insbesondere aus der prädigitalen Zeit vor 1990. Er funktioniert solche Pläne zu Bildträgern um und fügt ihnen zeichnend etwas hinzu, indem er sie interpretiert; an Humor und skurriler Phantasie lässt er es dabei nicht fehlen. Ganze Welten in Miniatur, ein großes Kommen und Gehen, skizziert er mit Bleistift, Tusche und Buntstift in die leeren Bereiche der schematisch wirkenden Pläne, die oft schon vergilbt sind und bereits unnütz, veraltet, überholt von neuen Technologien. Die am Reißbrett strukturierten Blätter sind für Favre nicht zuletzt Dokumente der Vergänglichkeit menschlicher Bestrebungen, was auf den Ausstellungstitel weist („… und der Mensch erschafft die Welt”).

Der Künstler Lionel Favre (*1980) stammt aus Lausanne und lebt derzeit in Wien. Für die Ausstellung in Freiburg hat er sich ausbedungen, Pläne des Freiburger Münsters bearbeiten zu dürfen und das ist eine aufschlussreiche Sache geworden; denn schützend hüllen sich Wolken um Flugzeuge und Turmspitzen, und viele biblische Gestalten wurden aus dem Innenraum befreit und tummeln sich jetzt auf dem Marktplatz, womit man sie endlich einmal richtig kennen lernt.

Mitunter spielt Favre auf Leonardo da Vinci an, aber man denkt auch an Sempé, wenn er aus seinen grafisch und geometrisch strukturierten Plänen ein lebendig ver-rücktes Spielfeld für teils klitzeklein skizzierte Menschlein, Tierchen und Objekte macht, von der Giraffe bis zum Engelwesen. An diesen anarchischen Zeichnungen hat man großes Vergnügen und kann dort unendlich viel entdecken, darunter Wortspiele; neben manchen Exponaten hängt hilfreich eine Lupe an der Schnur, gebraucht man sie, wird einem die Diskrepanz zwischen dem kleinen vergrößerten Ausschnitt klar, den man so erfasst und dem enormen Umfeld, das darum herum wimmelt. Insgesamt fällt einem beim Betrachten dieser Arbeiten immer wieder ein Raumkonzept des Philosophen Gilles Deleuze ein; es unterscheidet zwischen einem trassierten Raum, der optisch vermittelt und geometrisch reduziert ist („espace strié”), und einem Raum der nicht durch das Sehen definiert ist („espace lisse”), sondern ein offenes, fluides Feld darstellt, in dem sich Körper frei bewegen und wahrnehmen. Neben einem von Favres Bildern, in dem durch einen quasi flatternden Zeichenstift eine beeindruckende Population an flüchtigem Getier angesiedelt wurde, steht übrigens ein Schmetterlingsnetz zur Verfügung; man könnte ja mal versuchen, damit aus dem Bild etwas einzufangen – Besuch vor Ort unabdingbar.

von Cornelia Frenkel im Kultur Joker


im Interview mit Lionel Favre

ein Interview geführt von Ingo Heckwolf anlässlich der Ausstellung "...und der Mensch erschafft die Welt" in der katholischen Akademie Freiburg.


"Was ist der Plan?"


Lionel Favre bearbeitet technische Zeichnungen und Architekturpläne. Er erklärt uns die Welt anhand seiner teils mit Buntstift, teils mit Tuschestift ausgeführten Zeichnungen, die er in die Pläne setzt. Inspiriert durch diese selbst, erzählt er uns Geschichten, wie die der Kunst, der Architektur, behandelt aber auch Themen wie Liebe oder Klischees, wie das des Mann- bzw. Frauseins etc. Seine Zeichnungen besitzen Fantasie und Humor und reflektieren beispielweise auch Pop Art á la Lichtenstein. Favres Arbeiten sind stets von intensiven Recherchen begleitet, seine Erkenntnisse setzt er minutiös um. Der Künstler befolgt dabei die drei klassischen Regeln der Rhetorik: docere, movere, delectare – er lehrt, er bewegt und er erfreut.
Die Pläne, die Favre für seine Arbeiten verwendet, sind vorwiegend älteren Datums, handgezeichnet, oft bereits gelbbräunlich vergilbt. Jedes Blatt hat seinen eigenen Charme. Favre arbeitet mitunter auch auf modernen Computerausdrucken, je nachdem, was er eben gerade so in die Finger bekommt. Der Plan eines Hauses oder einer Maschine kann dabei einen Blick in die Vergangenheit, die Gegenwart und in seltenen Fällen sogar einen kurzen Blick in die Zukunft ermöglichen. "In den meisten Fällen jedoch, wenn ich einen Plan bekomme, …", so Favre, "ist dieser schon veraltet, weil er eben schon von einer anderen Technologie, einer anderen Version eingeholt wurde. Das bedeutet für mich, dass diese Pläne immer auch die Vergänglichkeit des Menschen repräsentieren."
Der Zukunft, der Utopie gilt Favres besonderes Interesse. Immer schon prophezeiten KünstlerInnen und SchriftstellerInnen – man denke nur an Leonardo da Vinci, Jules Verne oder George Orwell –, geleitet von ihrer Neugierde und ihrem Interesse für Naturwissenschaft und Philosophie, Zukunftsszenarien.
"Betrachtet man z. B. das Bauhaus, so sieht man, dass es hier das Konzept war, Architekten und Künstler zusammen zu führen, weil der Architekt bzw. der Ingenieur die Lösung für Probleme von heute findet und der Künstler für morgen. Gemeinsam sollten diese nun eine konkrete Vorstellung von Harmonie und Schönheit – eine neue Ästhetik erfinden." (Zitat Favre)
Der Ausstellungstitel "Was ist der Plan?" bezieht sich daher einerseits auf das Material, welches Favre für seine Kunst verwendet, andererseits ist er auch im Sinne von "Was passiert als nächstes?" zu verstehen. Diese Frage ist natürlich vor allem für junge KünstlerInnen nicht unerheblich. Um ihre Künstlerkarrieren voran zu treiben, müssen sie heutzutage vor allem eines sein, nämlich flexibel, andererseits jedoch stets abwägen, welche Möglichkeiten sie wahrnehmen sollten und welche eher nicht, um ihr künstlerisches Vorankommen nicht zu gefährden.

Lucas Cuturi



Kenny trifft Venus


Die Ausstellung Continuum in der Akademie der bildenden Künste Wien

Die Chronologie der Geschichte als Schaltplan, der unterschiedliche Zeitebenen miteinander verknüpft und ihre Protagonisten auf Fließbändern transportiert, so schlägt es der Schweizer Künstler Lionel Favre (geb. 1980) in seinen kleinteiligen Tuschezeichnungen in etwa vor.
Vielleicht zeigt die Ausstellung Continuum in der Akademie der bildenden Künste Wien (kuratiert von Elsy Lahner) auch einfach nur die Suche nach Antworten, nach Bezügen zwischen Dingen, die ähnlich erscheinen, denen aber trotzdem kein zwingender Zusammenhang beschieden ist. "Wie soll man Kenny aus South Park der Venus von Willendorf vorstellen? ", formuliert diesen Konflikt Favre selbst. Seit 2003 studiert er in Wien Malerei, zunächst bei Franz Graf und Gunter Damisch, aktuell bei Daniel Richter.

Lionel Favres winzige und aberwitzige Systeme mit Titeln wie "Party" oder "Welt" (alle 2008) fügt Favre in vergilbte und unnütz gewordene technische Schaltpläne ein. Favre funktioniert diese zu Bildträgern um, schenkt ihnen also neue Bedeutung. Schmarotzend hat sich das bunte, mitunter surreale Treiben zwischen dem penibel beschrifteten Tuschestrichen eingenistet, denn dort profitiert es von der Aura der Glaubwürdigkeit und Logik dieser technisch genauen Zeichnungen, den papierenen Zeugen einer prädigitalen Welt.

Ganz unabhängig von der gewonnen Glaubwürdigkeit verbreiten Favres Grafiken aber eine Lust am Schauen, am Entdecken und Verbindungen-Ziehen, das ganz ohne Spielregeln auskommt.


(Katrin Fessler/kafe/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 3. 2009)